Stufen der Poesie – Ode an die Freude

Eine Kunstperformance
In Berührung mit der Natur, in der Begegnung mit Künstlern, begleitet von Klängen und Poesie, schreiten wir durch eine Landschaft und folgen Stufe für Stufe mäandernden Ode-an-die-Freude-Deckchen. So erschaffen wir einen uns eigenen Mysterienweg.

 Hamburg, Planten un Blomen, Foto © Viola Livera


Stufe für Stufe steigen wir empor…
Unser Blick auf das, was wir sehen, verändert sich mit jedem bewussten Schritt. Herrmann Hesse spricht in seinem bekannten Gedicht „Stufen“ von Lebensstufen, die erblühen. Er benutzt das Bild als Metapher für den Prozess des Lebens, das sich stetig weiterentwickelt und erneuern will. Wir folgen diesem Gedanken und suchen Orte auf, die uns durch ihre Architektur,  inspirieren zu poetisch musikalischen Zwischenspielen, zwischen den Welten, zwischen den Zeiten, zwischen den Menschen vereint im Hier und Jetzt, im kostbaren Augenblick.

Hamburg, Volkspark Altona, Foto © Viola Livera

Stufen

Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.
Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
In andre, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.

Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
An keinem wie an einer Heimat hängen,
Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
Er will uns Stuf´ um Stufe heben, weiten.
Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen;
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.

Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
Uns neuen Räumen jung entgegensenden,
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden,
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!

Hermann Hesse


Hamburg, Planten un Blomen, Foto © Viola Livera

Allem Lebendigem liegen Muster zu Grunde …
Ein wiederkehrendes Element unseres Kunstprojektes sind die Ode-an-die-Freude-Deckchen, die aufgereiht wie eine Perlenschnur durch Landschaften mäandern, wie ein Fluss, der seinem natürlichen Lauf folgt. Auch hier haben wir uns inspirieren lassen von dem Schillergedicht und folgen dem Gedanken der Freude, dass alle Menschen Brüder werden. Es sind kleine farbenfrohe handgehäkelte Deckchen. Jedes Deckchen hat sein eigenes Muster und Farbgebung. Manch einer kennt sie aus Kindheitstagen, als die Großmutter an langen Winterabenden liebevoll häkelte. Wir benutzen dies als Assoziation im märchenhaften Sinne, und denken an die Nornen der nordischen Mythologie, die den Lebensfaden der Menschen spinnen, so spinnen auch wir.


Hamburg, Elbestrand, Foto © Viola Livera

Ode an die Freude

Freude, schöner Götterfunken,
Tochter aus Elysium,
Wir betreten feuertrunken,
Himmlische, dein Heiligtum.
Deine Zauber binden wieder,
Was die Mode streng geteilt,
Alle Menschen werden Brüder,
Wo dein sanfter Flügel weilt.

Wem der große Wurf gelungen,
eines Freundes Freund zu sein
wer ein holdes Weib errungen,
mische seinen Jubel ein!
Ja–wer auch nur eine Seele
sein nennt auf dem Erdenrund!
Und wer’s nie gekonnt, der stehle
weinend sich aus diesem Bund!

Freude heißt die starke Feder
in der ewigen Natur.
Freude, Freude treibt die Räder
in der großen Weltenuhr.
Blumen lockt sie aus den Keimen,
Sonnen aus dem Firmament,
Sphären rollt sie in den Räumen,
die des Sehers Rohr nicht kennt.

Friedrich Schiller


Nada Brama, die Welt ist Klang … , Hamburg, Foto © Viola Livera

Gong, Ein Gedicht von Rainer Maria Rilke

Nicht mehr für Ohren…:Klang,
der, wie ein tieferes Ohr,
uns, scheinbar Hörende, hört.
Umkehr der Räume. Entwurf
innerer Welten im Frein…,
Tempel vor ihrer Geburt,
Lösung, gesättigt mit schwer
löslichen Göttern…:Gong!

Summe des Schweigenden, das
sich zu sich selber bekennt,
brausende Einkehr in sich
dessen, das an sich verstummt,
Dauer, aus Ablauf gepreßt,
um-gegossener Stern…Gong!

Du, die man niemals vergißt,
die sich gebar im Verlust,
nichtmehr begriffenes Fest,
Wein an unsichtbarem Mund,
Sturm in der Säule, die trägt,
Wanderers Sturz in den Weg,
unser, an Alles, Verrat…Gong!


Hamburg, Jenischpark, Foto © Viola Livera

Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren
Sind Schlüssel aller Kreaturen
Wenn die, so singen oder küssen,
Mehr als die Tiefgelehrten wissen,

Wenn sich die Welt ins freie Leben
Und in die Welt wird zurück begeben,
Wenn dann sich wieder Licht und Schatten
Zu echter Klarheit werden gatten,

Und man in Märchen und Gedichten
Erkennt die wahren Weltgeschichten,
Dann fliegt vor Einem geheimen Wort
Das ganze verkehrte Wesen fort.

Novalis (Georg Philipp Friedrich von Hardenberg)


Landgemeinschaft Baumgarten, Foto © Viola Livera

Die Liebe hemmet nichts;
sie kennt nicht Tür noch Riegel
und dringt durch alles sich;
Sie ist ohn‘ Anbeginn, schlug ewig ihre Flügel,
Und schlägt sie ewiglich.

Matthias Claudius


Harmstorf, Mittendrin Leben e.G., Foto © Viola Livera

Wohlan

die Welt wird schöner
mit jedem Schritt den Du und Ich
den wir gemeinsam wagen

Mein Herz erfüllt von all der Freude
die wir zusammen ernten
durch unsrer Hände Gaben

web ich `nen Mantel dir
aus Träumen
die wir in uns tragen

mit all dem Glück zu wissen
dass Kommendes
bald uns vertraut

So lass uns frohe Lieder singen
mit aller Lust am Leben
Ein jeder wird ein König sein

beherzt, beseelt
die Welt von Morgen
heute bauen

Viola Livera

Harmstorf, Mittendrin Leben e.G., © Foto und Poesie Viola Livera


Anfragen und weitere Informationen

Idee und Realisierung © Viola Livera, Hamburg, Herbst 2021